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Inneres Kind
Unter dem Begriff verstehe ich einmal den Teil von dir und mir, der rund zwei Jahr- zehnte die Zeit der Kindheit und Jugend er- beziehungsweise überlebt hat. Darüber hinaus steht der Begriff für einen Seinszustand, der uns Menschen deutlich bis komplett abhanden gekommen ist. Wie könnte sich dieser Seinszustand bemerkbar machen, den jeder in sich trägt? Wie wär's mit Lebendigkeit, Kreativität, Leben als Spiel, Freiheit, Klarheit, spontaner Ausdruck der archaischen Kraft, Unschuld, Angstlosigkeit, Freude ohne Anlasser.... Wo ist er hin, dieser "göttliche" Zustand? "Wo laufen sie denn" - die unschuldigen Kinder?
Das ist eine ganz elementare, wenn nicht gar die Frage überhaupt. Wenn ich in meinem Leben nichts vermisse, wenn es halt wie bei allen anderen auch irgendwie läuft - normal halt, ja, dann kann ich mehr oder weniger ungeschoren über die Run- den kommen. Dann bin ich ein so genann- ter Normalbürger, der einer gewollten Norm entspricht, wie ihn Verwaltungen, Regierungen und Konzerne gern haben. Der seine Abgaben entrichtet und nicht viel hinterfragt. Wenn Erziehung funktio- niert hat - und das hat sie bei fast allen Kindern - dann sind die obigen Seinsqua- litäten so gut wie weg(erzogen). "Dir werden wir die Flausen schon noch austreiben!"
Woher kommen diese herdentierähnlichen Geschöpfe? Dazu muss ich mich "nur" meiner Kindheit erinnern. Dort lernt fast jeder Mensch, was ihn zu dem bekannten braven, ma- nipulierbaren Herden- und Konsumtier macht. Und auch die so genannten hoffnungslo- sen Fälle von Gewaltverbrechern bis Terroristen werden in Familien ausgebildet, genannt Erziehung. Sie fallen nicht vom Himmel.
So lange ein Mensch nicht mit seinem ursprünglichen Wesen, mit seiner Essenz in Kontakt ist, kann er nur das leben, was er in der "Familien-Schule" sowie später in weiterführenden Schulen und Einrichtun- gen gelernt hat. Wie ein Kind die Grund- rechnungsarten in den ersten Schuljahren zur späteren Anwendung im Beruf lernt, so lernt es alle später einmal ausge- führten Handlungen in der Familie durch Erziehung.
Ein Kind, ein Mensch kann nur das vollbringen, was er irgendwann einmal gelernt hat - wie ein Computer nur das ausführen kann, womit er programmiert ist.
Wer hinterfragt noch, wenn ein erwachsener Mensch aus dem Rahmen der Norm(alität) fällt, wenn er süchtig wird, raubt, zerstört, prügelt, vergewaltigt oder gar mordet. Er wird verurteilt und kommt in eine Anstalt oder ein Gefängnis. Von der reinen Tat aus betrach- tet ist das ja okay. Doch warum fragt niemand nach, wo er/sie das gelernt hat? Wer in- teressiert sich für den Ausbildungsbetrieb Familie, wo fast alle später vollbrachten Hand- lungen erlernt werden?
Bei Goldmedaillengewinnern, sonstigen Sportgrößen und Idolen - den so genannten guten Menschen - verfolgt man die Spur gern bis zum familiären Ursprung, worin sich die betroffenen Eltern gerne sonnen. Warum nicht bei Verbrechern, Dopingsündern, Steuerbetrügern, Kinderschändern, Prostituierten - den so genannten schlechten Menschen?
Hier lässt sich ahnen, warum kaum jemand freiwillig oder gern seine Kindheit erforscht. Doch wie soll ich an die Wurzeln dessen gelangen, was mich als Erwachsenen wieder- kehrend verzweifelt bis krank sein lässt? Warum ist die Kindheit entweder tabuisiert bis vergessen oder im anderen Fall verherrlicht?
Damit kein schiefes Bild entsteht - ich bin selbst Vater zweier Söhne und habe ähn- liche Erziehungsschäden angerichtet, wie meine Eltern bei mir und deren Eltern bei ihnen.
Es geht nicht um Anklage oder Verachtung, sondern um Aufklärung und Bewusstmachung, damit folgende Gene- rationen nicht wiederkehrende Kindheits- dramen aus Ignoranz und Dummheit der Eltern erleben müssen.
Des Volksmundes Sprichwörter haben oftmals eine verblüffende Präzision, wie zum Beispiel "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!"
Auf den Punkt gebracht - warum erforschen nur wenige einzelne ihre Kindheit? Es war zu schlimm, zu brutal bis lebensbedrohlich. Wer will das schon gern ein zweites Mal durchleben? Und es kommt erschwerend hinzu, dass es gesellschaftlich sich nicht gehört, die Eltern damit bloßzustellen. Alice Miller beschreibt das in ihren Büchern mit der Macht des vierten Gebotes. Dieses sitzt offenbar noch sehr tief verwurzelt im kollektiven menschlichen Bewusstsein.
Alles was ich beschreibe habe ich selbst erlebt und erlitten. Bis zur Lebensmitte bin ich vor der Kindheit weggelaufen - erst ein kaputtes Knie zwang mich zum Innehalten. Seither ist es eine elende, ätzende Quälerei, mich durch die Fremdprogrammierungen des Kindes und deren Auswirkungen zum einstmals unprogrammierten, lebendigen Kind in mir durchzugraben. Ja, es muss fast alles umgegraben bis zerschlagen werden, was das Kind aus lauter Not sich hat indoktrinieren lassen müssen.
Dieser Müll, der auf Seele und Kind lastet, hat sogar einen äußerst hartnäckigen Überle- benswillen, da die meisten Verhaltensweisen und Muster sich unter äußerstem psychi- schen bis körperlichen Stress bildeten. Vieles hat das Kind als für sich lebensbedrohlich empfunden. Ein Kind nimmt die Worte von Vater und Mutter wie von Göttern gesproche- ne Wahrheit auf. Es glaubt einen achtlosen Satz wie - "Wenn du nicht artig bist, dann geben wir dich fort." Oder - "Du bringst mich noch ins Grab!" Oder die subtile, pauscha- le, allgegenwärtige Schuldzuschiebung bei ungewollten Kindern - "Wegen dir...(...ist mein Leben verpfuscht, ...musste ich diesen Kerl heiraten!)".
Eltern dürfen genervt, gestresst, überfordert, cholerisch, ärgerlich, des Kindes überdrüs- sig sein. Wer gesteht dem Kind gleiches zu? Meist darf es rund um die Uhr brav sein und gehorchen. Selbst einem Hund gesteht man hin und wieder das Bellen zu.
Wer sein wahres Wesen, wer sich ent- decken will, wie er/sie wirklich ist, der muss bereit sein und beginnen, die Schleier und Decken über der erlebten Kindheit zu lüften.
Dabei ist entscheidend, wie sehr der heute Erwachsene bereit ist, die Eltern schonungslos zu sehen, die er als Kind real hatte - ohne Verklärung oder spirituelle (Vergebungs)-Klimmzüge!
Nur dann ist er ehrlich und wahrhaftig zu dem Wesen in sich, das den schlimmsten Abschnitt seines Lebens zu überstehen hatte.
Niemals wieder wird ein Mensch grausameres erleben als in seiner Kindheit und niemals wird er grausameren Men- schen und Methoden begegnen, als er es aus Sicht des Kindes erdulden musste.
Wenn ich als Erwachsener die Kindheit ausblende und die Eltern damit schone, bin ich selbst der Totengräber des Kostbarsten in mir.
Und noch mal etwas klärendes zu Eltern. Sie können nur die Grausamkeiten an ihren Kindern begehen, die sie selbst als Kinder erfahren haben/mussten und die sie nicht erlöst haben - aus den beschriebenen Gründen (viertes Gebot, Wiederholungszwang).
Die Seinsqualität eines freien, lebendigen, kreativen Kindes in dir und mir ist zu kostbar, als dass sie auf dem Altar orthodoxer Erziehungsrichtlinien geopfert wird. Alle Weltver- besserungen laufen ins Leere, weil die Welt nicht krank ist. Sie ist das sichtbare Ergebnis von traditioneller Erziehung und Handlungen von zutiefst verletzten, missbrauchten, ver- stümmelten Kindern in erwachsenen Körpern. Letztlich ist es Erziehung kollektive See- lenverstümmelung, die von einer Generation zur nächsten fortgepflanzt wird.
Fast alle körperlichen und psychischen Krankheiten sind vom Ursprung her unerlöste Erziehungsaltlasten. Warum? Der Körper ist der treue, der einzige echte Verbündete von Seele und Kind. Er speichert jede Sekunde des irdischen Lebens, ungeschminkt in seinem Zellgedächtnis. Da sich Zellen reproduzieren, gehen die gespeicherten, uner- lösten Lebenssituationen in jede neue Zelle über - bis das Erlebte bewusst und fühlend erfahren wird, was das einstmalige Kind davon befreit und die krankmachenden Zellinformationen löscht. Erlebter Schmerz ist das Heilmittel.
Der Verstand möchte ausblenden und vergessen, doch spielt der vom Verstand unbeein- flussbare, autonome Teil der Körperintelligenz dabei nicht mit. Er initiiert gar so lange Wiederholungszwänge in Form von Krankheiten und desolaten Lebenssituationen, die dem Erleben des damaligen Kindes (homöopathisch) ähnlich sind - bis das Kind sie jetzt mit Beistand des Erwachsenen erlösen/entladen kann.
Viele Sucher landen wie auch ich in der so genannten spirituellen Szene. Dort ist es modern, im Hier und Jetzt zu sein - unter meditativer Ausblendung der leidvollen Vergangenheit des Kindes und Ängsten der Zukunft. Viele versuchen gar das Ich loszuwerden.
Dabei ist genau das reale Jetzt die Chan- ce, über seine aktuellen Begebenheiten und Körpersymptome die Sprache des Körpers, des Kindes, der Seele zu empfangen. Das geht nur, wenn ich präsent und aufmerksam bin.
Meine Vision ist, das lästige, penetrante, urteilende, unzufriedene Ich (das falsche Selbst) löst sich wie von selbst auf, je mehr die unschuldig spielende, kreative Seinsqualität des Kindes in mir Raum bekommt. Dieses Ich, was überwunden und abgelegt sein will, ist das nichtgesehene, verlassene Innere (Ego)-Kind, was mit der dramatischen Kindheit alleingelassen ist.
"Lasset die Kindlein zu mir kommen" - soll Jesus gesagt haben. Für mich meinte er damit den Ort, der in jedem Menschen ewig wartet und mit Paradies, Himmelreich, Heiliger Geist, gesunder Geist usw. bezeichnet wird.
Die ersten etwa sieben Jahre als Therapeut habe ich im Sinne der Elternschonung und Vergebung gearbeitet - wie ich es gelernt habe. Erst meine eigene schmerzhafte Reise zum verlassenen Kind in mir (die andauert), öffnete mich für die Anliegen des Kindes. Wie die erbittertsten Gegner Hahnemanns zu hervorragenden Homöopathen wurden, so wandelte es sich in mir vom Verleugner des Inneren Kindes zu dessen Anwalt.
Wie kann die Arbeit zur Befreiung des Inneren Kindes aussehen? Es gibt wie für alles Innere Geschehen kein Patentrezept. Konzepte, Strategien und Systeme sind eher zweifelhaft. Aus meiner Sicht und den bisherigen Erfahrungen führe ich die folgenden Orientierungspunkte auf, die nur inspirieren wollen, den eigenen inneren Fahrplan (Heilsplan) zu finden.
- Öffnung und Bereitschaft, sich vorbehaltlos allen aus der Verdrängnis auftauchenden Kindheitserlebnissen zu stellen - einschließlich der mit-
schwingenden Emotionen - und sie fühlend zu erleben/zu entladen!
- Nützliche Informationen und Unterstützung suchen,
zum Beispiel bei Menschen, die diesen Weg schon gehen, die ihre Erfahrungen in Büchern verbreiten (Alice Miller) oder bei Therapeuten, die sich des Kindes empathisch mitfühlend annehmen - aus eigener Erfahrung.
- Mit dem Kind in sich kommunizieren ist ganz wichtig. Wie sonst soll es merken, dass plötzlich jemand für es da ist. Es braucht jetzt von dir, dem Erwachsenen, all das, was es als einsames Kind vermisste - und das ist nicht wenig. Es wird für dich ein mehrjähriger Gang durch die Hölle deiner realen, aber verdrängten oder verherrlichten Kindheit!
- Ausdauer, Ehrlichkeit, Mut! Das Kind merkt sofort, wie ernst du es mit ihm nimmst. Bist du darin halbherzig, wird es sich eher wieder zurück-
ziehen und aus dem Untergrund agieren - mit Wiederholungszwängen. Mit Halbherzigkeit meine ich das Verstecken hinter zuviel Arbeit, Verantwor- tung für andere, das Vorziehen von Süchten (Sex, Alkohol, Fernsehen, Computer...).
- Fühlende Präsenz in den Situationen des Alltags. Wenn Eltern, Vorge-
setzte, Partner/innen usw. den Finger in alte, unverheilte Wunden legen. Lässt du neuerliche Verletzungen geschehen oder fühlst du den Schmerz, die Angst, die Hilflosigkeit, die Not wie auch die Wut des Kindes und stehst ihm jetzt bei?
- Hinterfragen! Lösen Situationen oder Worte von anderen bei dir eine kör-
perliche/emotionale Reaktion von zum Beispiel Angst, Panik, Wut, Bauch- schmerz, Müdigkeit, Brustenge usw. aus, dann bin ich gefordert nach innen zu fragen: "Habe ich eine ähnliche Situation als Kind schon einmal erlebt?" "Was will mir mein Körper durch seine Symptome erzählen?" "An was er- innert dich das, mein Kind?" Und dann bin ich gefordert, jetzt im Sinne des Kindes zu handeln! Tue ich das nicht, gehe ich wieder mit dem Verstand achtlos drüber weg, verpisse ich mich in Ablenkungen, dann bin ich keinen Deut besser zum Kind in mir, wie die Eltern seinerzeit. Dann habe ich nichts gelernt. Dann bin ich der Erfüllungsgehilfe der elterlichen, religiösen, staatlichen Erziehung. Dann bin ich brav den Eltern und sonstigen Institu- tionen ergeben und brutal zum Kind in mir. Es ist wichtig, sich das vor Augen zu führen - "Wie gehe ich mit mir um?"
- Beziehungen. Darin wird überwiegend der elterliche Missbrauch des Kindes fortgesetzt. Dabei suchen sich doch gerade zwei, wo der jeweils andere sich jetzt liebevoll um das verletzte Kind kümmern soll. Dafür tue ich anfangs alles mögliche für meine(n) Auserwählte(n). Der Mann erwartet dafür von seiner Frau die liebend Mutter und die Frau vom Mann den liebenden Vater. Der Kuhhandel weicht schnell der verdrängten Realität - dass sich zwei zutiefst verletzte, misshandelte Kinder mit einer riesigen Verdrängungsmitgift verm(w)ählt haben. Meist verstärken sie noch das Leiden des Kindes - nach der Droge Verliebtheit. Natürlich bieten Bezieh-
ungen auch Chancen - sofern die Beteiligten es aushalten. Es werden die alten, unterdrückten Gefühle und Emotionen hervorbrechen, wie zum Beispiel Angst, Wut, Zorn, Ärger, Hass, Schmerz, Trauer, Enttäuschung usw. Bei einigen bricht es so elementar und brachial hervor, dass sie damit die täglichen Medien füllen. Daran wird die dramatische Situation des Inneren Kindes deutlich. Es führt aus, was es einstmals erdulden musste. Weder die damaligen Eltern noch der aktuelle Erwachsene sieht das Kind in sich und seine Not!
- Eingefahrene Verhaltensmuster und Gewohnheiten bieten wie die Symptome des Körpers einen Pfad zum Ursprung, zur Not des Kindes, aus der heraus es diese Muster gewählt hat - um zu überleben. Das Jetzt, das momentane, aktuelle Geschehen bietet eine Fülle von Informationen, die auf unerlöste Erlebnisse des Kindes deuten. Ich kann lernen, sie zu "lesen" und mit dem Kind oder dem Körper darüber zu sprechen. Denn nur dazu ist der Alltag gespickt mit unbequemen Situationen und Symptomen. Das Kind, der Körper, die Seele initiieren einen Wiederholungszwang - so lange, bis der vielbeschäftigte Erwachsene innehält und hinterfragt. Meist geht das nur durch einen mehr oder weniger starken Leidensdruck. Hat der den Not-Wendenden Wert auf der "Richterskala" erreicht, können sich gestaute emotionale Wunden mit einhergehender Erkenntnisklarheit hervorbrechend auflösen.
- Bewusstseinsanalyse, Bewusstseinsklärung hat sich zu meiner Spezialität entwickelt. Tun muss das eh jeder selbst, doch kann ich als therapeutischer Begleiter die Interessen des Kindes vertreten und den oberflächlichen Erwachsenen an sein verlassenes Kind erinnern - wenn es sein muss mit Nachdruck. Es wartet und leidet seit Jahrzehnten, dass du dich seiner annimmst! Als so genannter Querdenker biete ich "Brücken" an, über die du vom aktuellen Geschehen zum einstmaligen Erlebnis des Kindes gehen kannst.
Treue
Krankheit ist weder Pech noch Zufall
und schon gar nicht Strafe.
Sie ereilt Böse wie auch Brave.
Ob Gauner, Priester, Prinzessin oder Genie,
sie alle zwingt sie in die Knie.
Weder von Armeen in weißen Kitteln
noch chemischen oder naturheilkundlichen Mitteln
lässt sie sich zum Verschwinden bestechen,
ihre Treue zum Kind zu brechen.
Gibt man ihr auch tausende von Namen,
zu vernebeln, woher sie kamen.
Durch sie spricht nur eines - das Kind,
was nach mir schreit,
du hast mich vergessen, bist weg, so weit!!
Helmut Reichel
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